KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · BildungVeröffentlicht

Schulabbruch von Mädchen in Nord, Extrême-Nord und Adamaoua: früh verheiratet, früh aus der Schule

In Teilen der Region Nord hat mehr als ein Drittel der Kinder keinerlei Bildung. Kinderehe und frühe Schwangerschaft gehören zu den Gründen, warum Mädchen die Schule vorzeitig verlassen. Ein nationales Bildungsgesetz besteht seit 1998, doch verbindliche Schutzmechanismen für Mädchen fehlen weitgehend. KAGEDEV fordert konkrete, terminierte Maßnahmen der zuständigen Ministerien, damit Mädchen im Norden Kameruns ihre Schulzeit beenden können.

Veröffentlicht am 13. September 2026Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • In Teilen der Region Nord haben 35 Prozent der Kinder keinerlei Bildung.
  • 14 Prozent der 5-11-Jährigen sind landesweit nicht eingeschult.
  • Kinderehe-Daten von 2016 sind veraltet und müssen aktualisiert werden.
  • Bestehende Bildungsbudgets brauchen eine klare Ausrichtung auf gefährdete Mädchen.
  • Dialog mit Familien und traditionellen Autoritäten ist der nötige erste Schritt.

Zahlen im Überblick

35% der Kinder ohne Bildung, Teile Region Nord (06/2025)
Quelle: UNICEF
14% der 5-11-Jährigen nicht eingeschult (landesweit)
Quelle: UNICEF
41% Vorschulzugang mit 5 Jahren (landesweit)
Quelle: UNICEF
13% vor 15 / 38% vor 18 Jahren verheiratet (2016, veraltet)
Quelle: UNICEF
334,315 Mrd FCFA MINEDUB-Budget 2026, davon 32,265 Mrd FCFA PAREC 2025
Quelle: MINEDUB

Worum geht es?

In den Regionen Nord, Extrême-Nord und Adamaoua verlassen viele Mädchen die Schule, bevor sie sie abschließen können. Kinderehe und frühe Schwangerschaft sind dabei wiederkehrende Ursachen, neben Armut und langen Schulwegen. Das Bildungsrahmengesetz Nr. 98/004 von 1998 gilt landesweit. Ein Gesetz vom Juli 2016 verbietet zudem die Heirat unter 18 Jahren für beide Geschlechter, und Artikel 356 Absatz 3 des Strafgesetzbuchs bestraft Zwangsheirat von Minderjährigen mit 5 bis 10 Jahren Haft. Eine ältere Verordnung von 1981 setzt für Mädchen jedoch weiterhin ein heiratsfähiges Alter von 15 Jahren fest, ohne dass eine formelle Aufhebung dieser Regelung bestätigt ist; dieser Widerspruch zwischen den Rechtstexten wird in unserem separaten Plaidoyer zur Kinderehe behandelt. Über diese Rechtslage hinaus gibt es punktuelle Programme, etwa von UNFPA, die einzelne Gruppen von Mädchen begleiten. Eine systematische, offizielle Antwort auf das Problem des Schulabbruchs selbst fehlt bislang.

Wen betrifft es?

Es geht um Mädchen, deren Schulzeit endet, bevor sie beginnen konnte, sich zu entfalten. Um junge Frauen, die mit 15 oder 16 Jahren bereits verheiratet sind, während Gleichaltrige anderswo noch zur Schule gehen. Um Familien, die zwischen Tradition, wirtschaftlichem Druck und dem Wunsch nach Bildung für ihre Töchter stehen. Und es geht um die kamerunische Diaspora, die diese Realität aus eigener Familiengeschichte kennt und sie nicht stillschweigend hinnehmen will.

Was zeigen die Daten?

Nach einer UNICEF-Erhebung aus dem Jahr 2016 waren 13 Prozent der Mädchen in Kamerun vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet, 38 Prozent vor ihrem 18. Eine andere Erhebung von INS/MINSANTE aus dem Jahr 2014 nennt für dieselbe Altersgrenze einen Wert von 11,4 Prozent; die Differenz erklärt sich vermutlich durch unterschiedliche Erhebungsjahre und Methoden, nicht durch eine reale Verbesserung oder Verschlechterung der Lage. Beide Zahlen sind seither nicht aktualisiert worden, wir nennen sie deshalb ausdrücklich als älteren Bezugswert. Aktueller ist eine Angabe von UNICEF aus dem Bericht "Situation des enfants au Cameroun" von Juni 2025: In Teilen der Region Nord haben 35 Prozent der Kinder keinerlei Bildung erhalten. Landesweit sind laut derselben Quelle 14 Prozent der Kinder zwischen 5 und 11 Jahren nicht eingeschult, und nur 41 Prozent der Fünfjährigen haben Zugang zu vorschulischer Bildung. Das kamerunische Statistikinstitut hält in seinem Bildungsjahrbuch 2021-2022 fest, dass landesweit 3 von 4 Kindern die letzte Klasse der Grundschule erreichen. Eine Aufschlüsselung nach Geschlecht ist für diese Zahl nicht bestätigt, wir führen sie deshalb nur als allgemeinen Rahmenwert an. Eine in einem Presse-Workshop in Maroua 2022 genannte Zahl von 6 Millionen gefährdeten Mädchen verwenden wir bewusst nicht als belastbare Statistik.

Warum besteht Handlungsbedarf?

35 Prozent der Kinder ohne jegliche Bildung in Teilen der Region Nord bedeuten, dass in manchen Gemeinden mehr als ein Drittel der Kinder nie eine Schule betreten hat. Wenn dazu Kinderehe und frühe Schwangerschaft kommen, wird für Mädchen aus dem fehlenden Zugang oft ein endgültiger Abbruch. Das MINEDUB-Budget für 2026 sieht 334,315 Milliarden FCFA vor, mit einer gesonderten Linie von 32,265 Milliarden FCFA für das PAREC-Programm 2025. Diese Mittel existieren, doch ohne eine eigene Ausrichtung auf Mädchen, die von Kinderehe betroffen sind, bleibt ihre Wirkung auf dieses konkrete Problem ungewiss.

Was muss sich ändern?

  1. MINEDUB soll bis Ende 2027, in Abstimmung mit MINPROFF, eine eigene Budgetlinie innerhalb des bestehenden Bildungshaushalts für den Verbleib von Mädchen in der Schule in Nord, Extrême-Nord und Adamaoua ausweisen, mit dem Ziel, den Anteil der Mädchen ohne Bildung in diesen Regionen messbar zu senken.
  2. MINPROFF und MINJEC sollen bis Mitte 2027 gemeinsam mit traditionellen und religiösen Autoritäten einen regionalen Dialogmechanismus zu Kinderehe und Schulverbleib einrichten, der auf den bestehenden UNFPA-Erfahrungen aufbaut und in mindestens einer weiteren Region als der Extrême-Nord eingeführt wird.
  3. MINEDUB soll bis 2028 ein Wiedereinstiegsprogramm für junge Mütter einführen, das ihnen die Rückkehr in die Schule ermöglicht, mit einem klaren Indikator für die Zahl der zurückkehrenden Mädchen pro Jahr.
  4. MINPROFF soll bis Ende 2026 eine öffentliche, jährlich aktualisierte Erhebung zu Kinderehe und Schulabbruch in den drei Regionen in Auftrag geben, um die veraltete Datenlage von 2016 zu aktualisieren.
  5. UNICEF und UNFPA sollen gemeinsam mit MINEDUB die Ausweitung bestehender Mädchen-Begleitprogramme, wie das derzeit rund 100 Mädchen erreichende Programm in der Extrême-Nord, auf weitere Bezirke prüfen, mit dem Ziel einer Verdopplung der erreichten Mädchen bis 2028.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Unsere Forderungen richten sich vor allem an MINEDUB als Hauptverantwortliches für Bildung, an MINPROFF für den Schutz von Frauen und Mädchen, an MINJEC für Jugendfragen, sowie an traditionelle und religiöse Autoritäten, deren Rolle bei Entscheidungen über Kinderehe in den betroffenen Regionen zentral ist. Wir richten uns zugleich an UNFPA und UNICEF als Partner bestehender Programme.

Was kann kurzfristig geschehen?

In den nächsten 12 bis 24 Monaten kann ein erster runder Tisch mit traditionellen und religiösen Autoritäten in Nord, Extrême-Nord und Adamaoua stattfinden, um Kinderehe und Schulabbruch offen anzusprechen. Bestehende Programme wie das von UNFPA in der Extrême-Nord können dokumentiert und ihre Ergebnisse veröffentlicht werden, damit sichtbar wird, was funktioniert. Eine erste aktualisierte Datenerhebung zu Kinderehe kann in Auftrag gegeben werden, um die Zahlen von 2016 nicht länger als einzige Referenz nutzen zu müssen.

Was ist langfristig nötig?

Langfristig braucht es eine Region Nord, in der kein Kind mehr ganz ohne Bildung aufwächst, und Mädchen, deren Schulzeit nicht durch eine frühe Ehe oder Schwangerschaft beendet wird. Das setzt eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Bildungsministerium, Familienministerium und den Gemeinschaften vor Ort voraus, nicht nur einzelne Programme. Wandel bei Kinderehe braucht Zeit und Vertrauen, er lässt sich nicht per Erlass herbeiführen.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anteil der Kinder ohne jegliche Bildung in Teilen der Region Nord, ausgehend von 35 Prozent (UNICEF, Juni 2025)
  • Anteil der 5-11-Jährigen ohne Einschulung landesweit, ausgehend von 14 Prozent
  • Zugangsrate zur Vorschulbildung mit 5 Jahren, ausgehend von 41 Prozent landesweit
  • Anteil der Kinder, die die letzte Grundschulklasse erreichen, ausgehend von 3 von 4 national
  • Zahl der durch Mädchen-Begleitprogramme erreichten Mädchen, ausgehend von rund 100 in der Extrême-Nord
  • Rate der vor 15 beziehungsweise vor 18 Jahren verheirateten Mädchen, sobald aktualisierte Daten vorliegen (Referenz 2016: 13% / 38%)

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei, keine Religion und keine bestimmte Gemeinschaft gegen eine andere. Wir sprechen dieses Thema an, weil Mädchen in Nord, Extrême-Nord und Adamaoua dieselbe Chance auf Bildung verdienen wie Kinder überall im Land. Wir werten weder Familien noch Traditionen ab. Wir bitten um einen offenen, respektvollen Dialog darüber, wie Schule und Kindheit für Mädchen in diesen Regionen besser geschützt werden können.

Dialog und Zusammenarbeit

Wir stehen für den Austausch mit MINEDUB, MINPROFF, MINJEC, traditionellen und religiösen Autoritäten sowie mit UNFPA und UNICEF offen. Eine systematische, offizielle Konsultation der betroffenen Mädchen und ihrer Familien ist bislang nicht dokumentiert. Wir sehen es als notwendigen ersten Schritt, diesen Dialog aufzubauen, bevor weitere Maßnahmen festgelegt werden.

Quellen und Methodik

- UNICEF, Erhebung 2016 zu Kinderehe in Kamerun - UNICEF, "Situation des enfants au Cameroun", Juni 2025 - Institut National de la Statistique (INS) Kamerun, Jahrbuch Bildung 2021-2022 - Gesetz Nr. 98/004 vom 14. April 1998 (Bildungsrahmengesetz) - MINEDUB, Haushalt 2026 und PAREC 2025 - UNFPA, Programme zur Mädchenführung in der Extrême-Nord